Rudi Dutschke (069)

von Marc Alexander Holtz //

Revolution ist für Rudi Dutschke kein kurzer Akt, währenddessen nur irgendwas geschieht und dann einfach alles anders wird. Revolution war für den Soziologie-Studenten ein langer und komplizierter Prozess.

Der Kampf ist ihm eine Möglichkeit die eigenen Bedürfnisse zu entfalten. Darum, so sagt es Rudi Dutschke im Fernsehen und überall dort, wo man ihm zuhört, sei der Prozess der Revolution, jeder Revolution ein langer und kein kurzer Akt. So wie die Aufklärung stets auch ein Prozess ist, ein langer und zwar des vernünftigen Denkens, sagt er. Erkenntnis statt Vorurteil, Toleranz statt Dogmatismus, Mut zur Veränderung sicher auch. “Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!” lautet der Wahlspruch der Aufklärung.

Doch bereits die Demokratisierung der Hochschulen erscheint Dutschke, der die Gesellschaft als undemokratisch empfindet, die Bourgeoisie entwaffnen möchte und die Hochschulen seiner Zeit kennen lernt, unmöglich, sagt er. Weshalb Dutschke sie und die Gesellschaft gleich mit diesen mit-reformieren will aber vor allem anderen will er politisieren. “Umstülpen”, glaubt dieselbe Gesellschaft, will er, der Dutschke, einer der wohl bekanntesten deutschen revolutionären Aufrührer, das System, das bestehende. Rudis Anhänger zählen sich zu Mitgliedern einer gesichtslosen Minderheit, einer, seiner Meinung nach, kleinen, die sich gegen die Herrschaftsordnung, Machtstrukturen richtet, da sie, diese selbsternannte sich ausgeschlossen fühlende Minderheit, den Dialog zwischen Regierung und Masse, vermisst. Oder weil sie sich einen Dialog nach ihrem Sinne herbeiwünscht. Rhetorisch einwandfrei formulierte Wünsche. Tipps zur Umsetzung gibt es möglicherweise ebenso viele. Man scheitert vielleicht an der eigenen Vertrauenswürdigkeit, an der Komplexität der ausgesprochenen Sätze und der noch nicht politisierten Masse.

Der Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition, der den Fortschritt sucht, der wie gedruckt redet und doch kaum, so heißt es vielfach, verstanden wird und dem man seinen Antiparlamentarismus vorwirft, da er das bestehende Parlamentarische System für unbrauchbar hält oder es lediglich in Frage stellt, glaubt nicht an eine Deutsche Revolution. Der Begriff der Revolution ist für den gläubigen Christen ein nur noch international funktionierender. Er gilt als Marxist, als eine von manchen Politikern des Establishments gehasste, ungewaschene, verlauste Kreatur, der man diese Attribute vor laufenden Fernsehkameras testend, ob seiner Fassung oder seines Fassungsvermögens, vorwirft. Mit relativem Erfolg - Dutschke antwortet auf eigentlich alles und hört jedem zu. Seine Fassung behält er, das sollte man ihm zugestehen, häufig bzw. verliert sie selten.

Revolution, sagt er, der Protestant mit dem immer selben Ringelpullover, scheinbar unbeeindruckt ob der naiv wirkenden Bilder, die man in der Tagespresse um seine Person glaubhaft zu skizzieren versucht, ist ein weltweiter Prozess der Emanzipation in einem, wie er dann gerne hinzufügt, “langen Sinne”. Nicht jeder versteht das. Seine Gedanken nennt man noch heute abstrakt. Seine geistige Brillianz stellt man schon damals in Frage. Vielleicht musste man.

Dutschke zählt zu einer antiautoritären Bewegung, gelehnt gegen Parteifunktionäre, die sich aus den eigenen Reihen heraus reproduzieren, wie er ohne zu ermüden in endloser Aneinanderreihung politisch durchdachter Versatzstücke zu wissen preisgibt, dessen Zusammensetzung und Bedeutung sich ständig änderte, lässt es sich nachlesen, heute. Jeder muss denken was er glaubt, wird auch Rudi Dutschke denken, bevor er in der Badewanne ertrinkt. Man fürchtet ihn - weniger seine Inhalte, doch seine Wirkung - einen Intellektuellen nennt man ihn nur in ausgewählten Kreisen.

Dutschke, Jahrgang 1940, in der DDR aufgewachsen, am 11. April 1968 durch Josef Bachmann angeschossen und am 24. Dezember 1979 in einer Badewanne ertrunken, will Aufklärung aus dem wissenschaftlichen Studium heraus. Er will Selbstbefreiung von den unbegriffenen Mächten der Gesellschaft. Sein Ziel ist menschenfreundlich und gut gemeint - ihm widerstrebt der Gedanke, dass Menschen Objekte fremder Mächte einer Gesellschaft werden können. Er sieht bereits Vorzeichnen, etablierte Institutionen die den Menschen zwingen etwas anzunehmen. Er sieht das Proletariat und die Bourgeoisie. Er will ein Bewusstsein des Missstandes schaffen. Auf beiden Seiten. Ein Bewusstsein für die praktizierte bürokratische Herrschaft von oben durch welche, denn das ist seine Meinung, Ungerechtigkeit entsteht. Was uns tagtäglich in den Zeitungen, Rundfunkorganen und im Fernsehen vorenthalten wird, dass sieht er und sagt: “Wenn man die BILD-Zeitung aufschlägt, erfährt man dass es ein Land gibt” aber nicht könne man in ihr, der BILD sehen, was in diesem Land geschieht. Das wissen die meisten auch heute noch. Ohne sich an sie, die Achtundsechziger, allen voran Rudi Dutschke, dabei zu erinnern.

Der Ernst Bloch-Freund Dutschke bezeichnet die Folge der Regierungen als instrumentalisierte Lügeninstrumente der Halbwahrheiten und Verzerrungen. Ihm fehlt der kritische Dialog, der erklärt, was in der Gesellschaft oder mit ihr geschieht: warum das Wirtschaftswunder plötzlich zu Ende geht, warum die Wiedervereinigungsfragen nicht vorankommen.

Eine Lösungs auf die Probleme die er anspricht, will er nicht formulieren. Denn er ist der Meinung, dass dies nur manipulativ wirken kann. Denn seine Antwort alleine, so Dutschke, könne die gesellschaftliche Bewusstlosigkeit niemals alleine durchbrechen. Er sieht das Volk in Unmündigkeit “gehalten”. Darum will er eigene Informationen geben, damit deutlich wird, dass es eine andere Öffentlichkeit gibt als die bestehende. Auch er weiß, was vom Willen des Menschen abhängt.

Er glaubt dennoch die Welt gestalten zu können. So wie sie noch keiner gesehen hat. Eine Welt ohne Krieg und Hunger. Weltweit. Er sieht sich nicht als Berufspolitiker sondern als Mensch, der den Willen besitzt, dass die Welt einen anderen, menschlicheren Weg geht. Dafür, so sagt er vor den Kameras, die ihn immerfort filmen, will er kämpfen. Und gegen die Berufspolitiker selbst, den Apparat. Verunmöglichen will er, dass die Eliten das Proletariat manipulieren, so dass die unterdrückten Fähigkeiten der gegenseitigen Hilfe in einem jeden frei werden, sprich, den Verstand in Vernunft transformieren und die Gesellschaft in der ein Mensch lebt zu begreifen.

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