Olympische Völkerverständigung (068)
von Marc Alexander Holtz //
Die schönste Harmonie entsteht durch Zusammenbringen der Gegensätze. Der Satz stammt von einem vorsokratischen Philosophen. Sein Name: Heraklit. Er war es auch, der die bekannte Kurzformel hinterließ: Alles fließt.
Die Gesellschaft auf dem Erdenrund diskutiert derzeit die starre Haltung Chinas. Man wirft der chinesischen Regierung vor, das einstige, im Jahre 2001 gegebene Versprechen, für eine Verbesserung der Menschenrechte innerhalb des eigenen Landes keine Sorge zu tragen. Die Diskussion entzündete sich weltweit aufgrund der gewaltsamen Zerschlagung von Aufständen in der chinesischen Region Tibet. Die Gründe sind vielfältige, teils für uns westliche Medienkonsumenten undurchsichtige, in der gegenwärtigen Berichterstattung oftmals einseitige.
In 2008 werden oder sollen die Olympischen Spiele in Peking, der Hauptstadt Chinas ausgetragen werden. Die Entscheidung fiel auf die Volksrepublik unter der oben genannten Voraussetzung, dass die Menschenrechtslage sich deutlich verbessere. Das Internationale Olympische Komitee hatte jedoch die Vergabe (des Austragungsortes) der Spiele mit keinen vertraglichen Forderungen versehen. So erklärte China auf dem internationalen Parkett, dass Tibet sowohl als auch die Behandlung der dortigen Probleme eine innere Angelegenheit sei und diese in keinem Zusammenhang mit der Austragung der Olympischen Spiele stehe.
Seitdem breitet sich in der westlichen Welt eine Welle der Solidaritätsbekundungen mit den - innerhalb der Volksrepublik China lebenden - Tibeter aus. Darunter Politiker, Sportfunktionäre, Sportler und Menschenrechtsaktivisten. Gefordert wird vieles, doch das meiste ohne Wirkung da ohne Druckmittel. Insbesondere ein Dialog mit dem Friedensnobelpreisträger und 14. Dalai Lama, dem Mönch Tenzin Gyatso, der sich für mehr Autonomie Tibets einsetzt und, wenngleich in Peking nicht anerkannt, als tibetisches Staatsoberhaupt gilt. Dessen Bestrebungen werden von der chinesischen Regierung als separatistische Bewegungen verstanden.
Es werden im Westen ferner wirtschaftliche Sanktionen beispielsweise durch Einschränkung von Hochtechnologie-Exporten gefordert. Einige Staatsoberhäupter erwägen eine demonstrative Abwesenheit während der Eröffnungszeremonie. Doch China ist faktisch und also unübersehbar ein für engagierte Wirtschaftsunternehmen unverzichtbarer Wachstumsmarkt. So scheitern bisherige Forderungen, die sich in diversen Formen gegen die Führung der kommunistischen Volksrepublik richten, in erster Linie an einem westlichen Wirtschaftslobbyismus und in zweiter Instanz an einer möglicherweise als starr einzuschätzenden Haltung des Pekinger Politbüros und seinen -Militärführern. Verantwortung ist ein Schwermetall.
Die Reise der Harmonie, der Olympische Fackellauf, einer der längsten der bisherigen Olympischen Geschichte, droht als Angriffsfläche durch politische Aktivisten gegen die Chinesen in den Augen derselben zu verkommen. Dieser Meinung hat sich bisher auch das IOC sowie führende Olympia-Sponsoren, namentlich bekannt, der Sportartikel-Hersteller Adidas, angeschlossen. Denn die Spiele wurden einst ausgerufen, um der Jugend der Welt eine Möglichkeit zu schaffen, sich sportlich aneinander zu messen und zur Völkerverständigung. Aufgrund des völkerverständigendem Charakters, den man vor allem auch im symbolischen Fackellauf durch die Nationen und Kontinente sehen will, fühlen sich die Idealisten der Olympischen Spiele durch die politischen Aktivisten betrogen. Es gibt erste Überlegungen, aufgrund der Proteste in London, Paris oder San Francisco, wo schon vor Ankunft des Olympischen Feuers protestartige Aktionen Meldung machten, abzubrechen. Man sieht die Völkerverständigung in Gefahr. Doch das ist eine an und für sich vollkommene Fehleinschätzung. Es ist vielleicht wahr, dass man sich derzeit im Missverhältnis mit der politischen chinesischen Partei und Armee befindet. Die Proteste jedoch zeigen deutlich, wie sehr der Olympische Fackellauf und somit die Olympischen Spiele, ganz gleich wann oder ob sie ausgetragen werden, die Menschen und also die Nationen dieser Erde derzeit verbindet. Die Medien scheinen, zumindest im Westen, flächendeckend ein und denselben Ton anzuschlagen - das auch die Chinesen ein Recht auf Harmonie verdienen, völlig gleich in welcher Region und unter wessen Führung.
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April 9, 2008 um 3:50
Danke für diesen Text! Schön zu lesen, wenngleich was zu lesen ist, das per se keine schöne Sache ist. Bei manchen Phrasen fühlte ich mich an Joseph Roth erinnert, dessen journalistischen Texte (v.a. die Reportagen und das Berliner Bilderbuch, aber ich habe den Durchblick noch nicht, der Mann hat so viel geschrieben!).
April 10, 2008 um 6:08
Bitte. Und danke. Die süddeutsche zeitung hat in ihrer Serie über große Journalisten mit Joseph Roth aufgemacht und schreibt, er habe Informationen gefressen. Joseph Roth ist mir, obgleich ich ihn bis eben nicht wahrgenommen hatte, ein wenig sympathisch.
Und die Sache, was auch immer inzwischen zu dieser “Sache” alles gehört, ist für mich nur noch schwer einzuschätzen. Denn ich bin inzwischen eher verwirrt, als dass ich wüsste, was wirklich geschieht. Abgesehen davon bin ich Westeuropäer und ein Kind unserer Medien.
By The Way … meldest Du Dich in anderer Sache noch bei mir? Nach wie vor würde ich an dem Angebot festhalten wollen.
April 10, 2008 um 8:26
Den Artikel in der Serie der Süddeutschen habe ich auch gelesen, es lohnt sich aber vielmehr, Texte von Roth selbst zu lesen. Zu viel aber auch nicht, sonst wird man über der Lektüre noch depressiv, weil der Blick zu scharf und die Zeiten in denen der Roth gelebt, so viel hergeben, was man mit scharfem Blick beobachten könnte.
Wegen der anderen Sache melde ich mich doch gerne nochmals bei dir, muss bloss noch meine Festplatte mal durchforsten.