Magazin ohne Kalkül (067)
Interview von Marc Alexander Holtz //
Calin Kruse, was veranlasst Sie “dienacht” herauszugeben?
Die Leidenschaft fürs Print-Medium, und weil alles, was im Magazin vorgestellt wird, mich im täglichen Leben begleitet. Außerdem gibt es, finde ich, sehr wenige Magazine, die sich wirklich mit Fotografie beschäftigen; die meisten davon berichten über Technik und zeigen seelenlose Fließbandmode und konzeptorientierte Fotografie, oder sind zu theoretisch. Das Künstlerische und das Persönliche geht dabei oft verloren; und es gibt doch so viele gute Fotografen, auch junge, die geniale Arbeiten haben, die aber der aktuellen Nachfrage nicht entsprechen und deswegen ein wenig untergehen. In Deutschland gibt es vielleicht 1-2 Magazine, die solche Arbeiten zeigen. Andererseits ist “dienacht” ein persönliches Magazin, ich zeige Arbeiten – übrigens auch aus den Bereichen Illustration, Graphik-Design und anderen Genres – die mir gut gefallen. Es gibt auch andere Sachen, die ich mache, das Magazin erreicht aber vielleicht eher die Öffentlichkeit.
Wie macht man auf ein mehr oder minder noch unbekanntes Magazin aufmerksam, wenn kein großes Verlagshaus dahinter steht, dass einen dabei unterstützt?
Das Magazin war völlig unbekannt, da gerade erschienen und kein Budget für Werbung da war. Ich hatte das Glück, dass mir Claudia Stein von “photography now” bei der 1. Ausgabe ein Tausch vorgeschlagen hat, und zwar eine Seite Werbung für sie gegen ein Newsletter über “dienacht”. Das hat viele Leute erreicht und dazu beigetragen, das Magazin bekannter zu machen. Hinzu kommen hin und wieder Anzeigentauschgeschäfte mit ähnlichen Magazine. Außerdem habe ich mich um möglichst viele Berichterstattungen und Rezensionen bemüht, darunter in novum und photonews, und vor allem im Internet auf Foto- oder Design-Sites. Internet ist heute das Medium für so etwas, obwohl es einen schon viel mehr erfreut, Gedrucktes (Rezensionen usw.) in den Händen zu halten.
Außer für Ihren eigenen Geschmack - für wen ist “dienacht” gemacht?
Klingt vielleicht überheblich, aber für alle, die sich mit Kommunikationsdesign beschäftigen. Es gibt keine definierte “Zielgruppe”. Das Projekt hat nichts mit Kalkül zu tun; es entsteht aus dem Bauch heraus. Ich versuche nur das Magazin so vielfältig wie möglich zu gestalten. Sicher, die Einstellung ist nicht besonders wirtschaftsorientiert, aber ich möchte auch nicht “für die Massen” produzieren. Ich glaube, gerade die Leute, die “dienacht” Lesen oder sich anschauen, wissen dies zu schätzen. Am meisten interessieren sich Fotografen dafür, Studenten wie Profis, das liegt wahrscheinlich daran, dass die “Gestaltung” (also Graphic-Design, Illustration usw.) und die “Subkultur” nicht besonders propagiert werden, obwohl sie ein Großteil des Magazins ausmachen – zusammen genommen etwa die Hälfte.
Welchen Mehrwert bietet “dienacht” ihren Lesern?
Jedenfalls kein Mainstream, und ich glaube, dass viele Kreative die Schnauze voll von Mainstream haben. “dienacht” ist vielleicht so etwas wie “Rückbesinnung”, aber trotzdem avantgardistisch eingestellt, forschend, suchend. Ich glaube, es gibt nicht viele Magazine, die persönlich sind, aber trotzdem professionell ‘rüberkommen. Eigentlich ist “dienacht” eine Mischung aus Fanzine und Magazin. Mir ist auch der Kontakt zu den Kunden - zumindest die, die online das Magazin bestellen - wichtig, auch wenn das Internet viel Anonymität bietet. Es ist nicht so, dass die Leute nur “will kaufen” schreiben. Manchmal entwickeln sich ganz nette Gespräche. Ich weiß wer die erste Ausgabe bestellt hat. Ich bitte die Besteller in der Regel um Kritik und Feedback und antworte darauf. In einer Zeit, in der man in Bäckereibilligketten seine Brötchen holt, sich in preiswerten Friseursalonketten die Haare schneiden lässt oder in günstigen Lebensmittelmarktketten Essen einkauft geht das Persönliche meines Erachtens verloren. Das finde ich sehr schade. Aber ich denke, man kann das im Magazin “dienacht” schätzen, wenn man die Geschichte die dahinter steckt etwas versteht. Doch die kennt nicht jeder.
Ein gutes Magazin lässt sich an vielen Indizien erkennen und funktioniert auf vielerlei Weisen. Woran erkennt Calin Kruse gute Magazine?
Ein gutes Magazin hat für mich mit Gefühl zu tun, mit Liebe zum Detail. Es soll nicht krampfhaft versuchen, cool ‘rüber zu kommen, es soll aber experimentieren, mit Papieren, mit Prägungen, mit Bindungen. Es soll auch gut riechen und sich angenehm anfühlen. Es muss gar nicht so aussehen, als wäre es fertig. Vielleicht auch deswegen mag ich besonders gerne Artzines, weil sie ohne Budget, in kleiner Auflage hergestellt wurden, ohne Erfolgsdruck, einfach aus Lust, etwas zu machen. In Deutschland gibt es nur leider kaum welche.
Es kommt natürlich immer darauf an, wozu man gerade Lust hat: Distros oder Bahnhofkioske. Ich mag auch einige wenige “richtige” Magazine, weil sie Information bieten und gut gemacht sind (gute Bilder, gute Portfolios, keinen oder kaum Mainstream). Magazine, die von Designstudenten gemacht werden, sind teilweise auch genial.
Die finanzielle Herausforderung ist mit Abstand die größte; das Magazin drucken zu lassen kostet viel, und ich glaube fest daran, dass “dienacht” jetzt viel weiter hätte sein können, wenn man ein Budget zur Verfügung hätte.
Irgendwie habe ich doch das Geld zusammenkratzen können, es gibt auch ein paar Anzeigekunden; das meiste davon ist aber aus Erspartem finanziert. Nach dem Druck des Magazins war ich immer erstmal bettelarm.
Bietet das Internet Calin Kruse als Herausgeber ähnliche Möglichkeiten Design, Grafik, spannende Fotografien zu vermitteln oder würden Sie die Form der Online-Darstellung zur Verbreitung von Inhalten in “dienacht” nicht in Betracht ziehen?
Internet ist, finde ich, keine Konkurrenz zum Print, sollte es zumindest nicht sein. Es sind zwei gleichberechtigte Sachen. Internet ist ein schnelles Medium, eher die Gegenbewegung zu Magazine. Die Vorteile sind, dass man sich auf die Schnelle informieren kann, auch im künstlerischem Bereich. Ich schaue mir oft und gerne Pdf- oder Onlinemagazine an. Ich kann mir auch vorstellen (und es ist schon für später halb vorgesehen), eine Online-Ausgabe von “dienacht” zu machen, es würde sich aber grundlegend von der Print-Ausgabe unterscheiden. Es darf nicht schwer verdaulich sein, es soll leichte, inspirierende Kunst mit wenig Text sein, die man überfliegen kann, und dabei etwas hängen bleibt. Ich bekomme viele Bewerbungen aus dem Bereich Fotografie, die großartig sind, sich aber für das Magazin nicht so gut eignen; diese würde ich eher online zeigen.
Eine Print-Ausgabe ist aber etwas, was bleibt, was man sammelt, was man immer wieder liest, worüber man nachdenkt. Damit kann man sich besser auseinandersetzen. Es ist ein Medium, das zur Entschleunigung beiträgt. Und es genießt die Vorzüge, die ich schon erwähnt hatte (Veredelung, Form, Handhabung, Geruch…), die man online nicht nachmachen kann. Printsachen erfordern Kreativität und liefern Ideen. Hinzu kommt der soziale Aspekt - um sie zu bekommen, muss man mit anderen Menschen in Kontakt kommen, was vielleicht in der Zeit des Automatismus gar nicht so verkehrt ist.
Aber an all das denkt man nicht unbedingt, wenn man sich entscheidet, ein Magazin zu machen. Und auch nicht, wie man am besten und schnellsten Inhalte verbreitet. Es ist eher eine Stellung, die man unbewusst bezieht.
Nach welchen Kriterien sortiert Herr Kruse die Inhalte, Einsendungen, die Angebote, unter welchen Maßstäben schafft er in seinem Magazin das, was Interessenten am Ende zufriedenstellen soll?
Es gibt keine Regeln oder Gesetze, ich suche alles nach Gefühl aus. Ich versuche auch, die Beiträge so auszusuchen, dass sie so vielfältig wie möglich sind, so dass mich das Magazin anspricht. “Zufrieden stellen” ist vielleicht der falsche Ausdruck, ich würde eher “inspirierend” dazu sagen.
Schlagworte: Anzeigentausch, Artdirektion, Artdirektoren, Calin Kruse, Claudia Stein, Design, Designer, Designstudenten, ehrliches Magazin, Erfahrungsaustausch, Fotografen, Fotografie, Gedrucktes, Gestaltung, Gestaltungsmagazin, Grafik, Grafik-Design, Herausgeber, Illustration, Illustratoren, Indie-Magazine, Inspiration, Interview, kein Budget für Werbung, knappes Budget, konzeptorientierte Fotografie, Kunst, Layout, Leidenschaft und Leserschaft, Magazin, magazin KULTUR, Magazinmarkt, Mediakit, Novum, Onlinemagazine, Portfolios, Print-Medien, Printmarkt, Printmedien, Printpublikationen, Publikationen, Redaktion, Studierende, Subkultur, Zielgruppen

