Social Responsibility (046)
von Marc Alexander Holtz
Interessen oder Werte? Die internationale Staatengemeinschaft zeigt sich besorgt. Um den Boykott der Olympischen Spiele, um die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen mit der bevölkerungsreichsten Nation China, um deren aufständische Tibeter und um die Verletzung der Menschenrechte.
Es beginnt in Lhasa, die Hauptstadt der Tibeter, wo sich dieselben gegen die 49 jährige Besetzung durch die sozialistische Volksrepublik China auflehnen. Es kommt zu Protesten, Ausschreitungen. Die Randalierer werden nach Tagen zunächst von der chinesischen Polizei unter Beihilfe des Militärs niedergeschlagen.
Eine Welle westlicher Medienberichterstattung schlägt zurück. Regierungsvertreter beider Seiten so wie die Olympia-Befürworter zeigen sich verhalten, Handlungsunfähigkeit stellt sich heraus. Die Internationale formuliert der Volksrepublik ihr Lippenbekenntnis, die Menschenrechtsverletzung. Will aber den Handel mit dem Regime nicht gefährden. China erklärt binnen weniger Tage die Angelegenheit zu einer internen. Extern wird jetzt die Heuchelei erkennbar.
Fressen und Gefressen werden. Das Prinzip ist vielen Staaten dieser Welt bekannt. Ob durch eigene Erfahrung oder die Medien, die zu allem Bericht ablegen, der selten Veränderung bringt. Afghanistan, Irak, Tschetschenien. Grenzen fallen aufgrund von Handelsbarrieren. Gleich welche Grenzen, auch die moralischen fallen, wenn irgendwer gegen den Terrorismus oder für die Demokratisierung der Welt kämpft. Das man im Falle Tibets noch die Olympischen Spiele heranzieht, um etwas in der Hand zu wissen das Druck ausübt, dient dem gewissenhaften Schauspiel, nicht den Menschen in Tibet. Was mit ihnen geschieht weiß man nicht, denn China hat angeordnet, sämtliche Journalisten des Landes zu verweisen. Die Spekulationen beginnen. Bis die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua (Neues China) mehreren westlichen Fernsehsendern, Zeitungen und deren Online-Angeboten vorwirft, Tatsachen zu verfälschen.
Die Wirtschaftsmacht China in Verhandlungsfragen, gleich welchen, als ebenbürtigen Partner in Frage zu stellen, ist gegen die internationale Etikette der wirtschaftlichen Kaste. An seinem Wachstum wollen Amerikaner, Inder, Russen wie Europäer teilhaben. Tibet hat mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Chinas sehr viel zu tun. Das Tibet auf dem Papier eine autonome Region Chinas ist, doch von Peking regiert wird, ebenso. Tibet ist wie der Irak, Afghanistan oder auch Tschetschenien, um bei durch die Medien bekannten Beispielen zu bleiben, Reich an Bodenschätzen. Es scheint sehr reich. Eine der Hauptgründe der Invasion der Chinesen im Jahre 1949. China hat Tibet annektiert. Damit macht China das, was auch im Weissbuch der deutschen Bundeswehr als militärisches Strategem aufgeführt wird: Aufgabe der bewaffneten Streitkräfte Deutschlands ist es, (…) Rohstoffquellen, Handelswege und Absatzmärkte militärisch abzusichern.
Chinas Aufstieg zur globalen Wirtschaftsmacht würde dem Land der aufgehenden Sonne ohne eigene Landesressourcen schnell an die Substanz gehen. Jede eigene Rohstoffquelle zur Tilgung des enormen und stetig ansteigenden Bedarfs an Mineralien und Energie bewahrt den Grad der Unabhängigkeit. In Tibet hat man mindestens seit 49 Jahren einige der bedeutendsten Vorkommen identifiziert: Uran, Bor, Eisen, Erdöl, Erdgas, Gold, Silber, Graphit und Schwefel, um nur einige zu nennen. Dafür haben die Chinesen eine Eisenbahnlinie ins Herz Tibets gelegt. Für den Tourismus und den wirtschaftlichen Aufschwung der Region, sagen sie.
China wünscht nichts mehr als Autarkie in Bezug auf die eigenen Rohstoffbedarfe. Das verstehen nicht nur Russen und Amerikaner sehr gut. Menschenrechtler und Non-Government-Organisationen weniger. Und die Befürworter der Olympischen Spiele wie der Präsident des Internationalen Olympischen-Komitees (IOC), Jacques Rogge verstehen davon auch nichts. Rogge erteilte einem Olympia-Boykott bereits eine deutliche Absage: “Die Regierungen wollen ihn nicht, die Sportbewegung will ihn definitiv nicht und, da bin ich mir sicher, die Öffentlichkeit will ihn auch nicht”. Sein Kollge Gerhard Heiberg, Vorsitzender der Marketingkommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) weiß wie auch Rogge schon seit 2005, dass die Olympischen Spiele in Peking im Jahr 2008 Rekorde brechen, einnahmetechnisch. Die Financial Times (FT) berichtete im Januar 2005 von Einnahmen aus Sponsoringverträgen mit Markenunternehmen und einem zu diesem Zeitpunkt erzielten Rekordwert von über einer Mrd. Dollar. Der Innovations-Report zitiert das Blatt in besagtem Jahr wie folgt: Die (…) Vereinbarungen mit Großsponsoren wie Volkswagen, die Bank of China und China Mobile, bringen Olympia 2008 rund 600 Mio. Dollar. Der Run auf das spektakulärste Sportevent im attraktivsten Markt der Welt zeigt einmal mehr, dass die Menschenrechtspolitik des Landes im Schatten seiner Wirtschaftserfolge steht. Der Artikel ist noch im weiteren Verlauf lesenswert.
Zumindest die Pariser Zurückhaltung mit dem nachhaltigen Ziel, Aufträge für den Bau von Atomkraftwerken durch eine anti-chinesische Stellungnahme zu gefährden, wird in den französischen Medien transparenter gestaltet. Die Zusammenarbeit Chinas im UN- Sicherheitsrat will sich die französische Regierung darüber hinaus sichern. Peking hat den Pariser Wunsch akzeptiert, Soldaten in den Libanon zu entsenden, und kooperiere im Atomstreit mit dem Iran. Hinzu kommt, dass Chinas Zustimmung für die angestrebte Erweiterung des Sicherheitsrates nötig ist. Der französische Außenminister Bernard Kouchner wehrt sich gegen den Vorwurf, in der Tibetfrage keine stellung zu beziehen - Außenminister können nicht so frei handeln und sprechen wie Menschenrechtler, wenn sie nicht am «nächsten Tag zurücktreten» wollen, sagte Kouchner der Zeitung «Libération». «Wir sind auch gezwungen, wirtschaftliche Interessen zu beachten, um nicht die Arbeitslosigkeit zu erhöhen.»
Der chinesische Außenminister Yang Jiechi bringt die Sachlage gleich zu Beginn der Aufstände in Tibet auf einen Punkt - die separatistischen Bestrebungen in Tibet sind für ihn keine religiöse oder ethische Angelegenheit. Die internationalen Medien greifen dies auf und drucken es nach. Von den Bodenschätzen Tibets, von der geopolitischen Lage und der daraus resultierenden Bedeutung der autonomen Region Tibet für die Zentralregierung in Peking schreiben wenige. Olympische Spiele sind, worunter jeder etwas versteht. Allein in Bagdad sterben jedoch Woche für Woche weiterhin Dutzende ohne in den Medien besondere Erwähnung zu finden. Dem Terrorismus hat niemand den Garaus gemacht. Auch in Tschetschenien nicht. Nun sind es die Chinesen, die den Dalai Lama in das terroristische Umfeld rücken möchten.
Wirtschaft bietet dem Menschen Wohlfahrt. Diese Wohlfahrt kostet Rohstoffe, kostet Umwelt und dort wo sich Menschen ihr in den Weg stellen, Menschenleben. Gegen die globale Verfilzung von Politik und Wirtschaft bedarf es international mehr politischen Zusammenhalt in der Politik, mehr Verantwortungsbewusstsein auf Unternehmerseite, also auch unter Aktionären - jene Figuren, die das Räderwerk der Wirtschaft zunehmend antreiben. Die Konzernverantwortlichen der Welt entdecken gerade die so genannte Social Responsibility - soziale Verantwortung, und nutzen diese zu PR-Maßnahmen. China profitiert von der Liberalisierung seiner Wirtschafts-Märkte. Nur hier will dieser Staat lernen. Wer sich Verantwortung heute noch auf die Fahne schreibt, steht für die Interessen der Gemeinschaft ein und stellt Forderungen, die dieser dienlich sind. Alles andere ist ein Werbegag.
Die Frage die am Ende jedoch zu klären bleibt ist die immer gleiche: Was kann ich tun?
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