Körpereigenes Aphrodisiakum (003)

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von Marc Alexander Holtz

Der Nase nach bewegt sich der Mensch. Sinneseindrücke lenken, beeinflussen und betören ihn. Gerüche nehmen direkten Einfluss auf sein emotionales Wohlbefinden und erobern mit natürlicher List seine Aufmerksamkeit. Die Nase ist das einzige Sinnesorgan, das Impulse direkt ins Gehirn leitet – manche Entscheidung ist Ergebnis einer unbewussten Verführung. Wie die Saurier damals, besitzen Menschen heute noch jenen Teil des Gehirns den man, wohl aufgrund seines evolutionären greisen Alters zu den primitiveren, dennoch phantastischen Anlagen zählt: das limbische System, welches mit den Geruchsnerven verbunden ist, gilt als ein Behältnis von Erinnerungen, Gefühlen aus erlebten Jahren und Jahrzehnten. Weder Bilder noch Geräusche bleiben uns so lange präsent wie Düfte. Ein Odeur, ein Parfum, ein Balsam oder Blüten wirken bis unter Busen und Brust, wecken Gefühle oder Sehnsucht, verschaffen Wärme oder Schwere und entsiegeln zuweilen lang Vergessenes. Duft ist wie die Hingabe hemmungslos.

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Mehr als 10.000 verschiedene Düfte können Menschen wahrnehmen. Doch die wahrgenommenen Gerüche sind in der Regel ein nicht überschaubares Potpourri aus Molekühlen bestehend, die auch unseren Körpern täglich entströmen. Allein Kaffeeduft setzt sich aus 200 chemischen Einzelkomponenten zusammen. Um den Duft einer guten Tasse Kaffee zu identifizieren reichen bereits 15 der 200 charakteristischen Duftkomponenten aus um uns zu reizen. Was vermag dagegen erst der natürliche Wohlgeruch von Männer- und Frauenschenkeln, seinen und ihren Armbeugen, die Duftnote die seinem sowie ihrem Nacken an einem schwülen Sommerabend entfliehen, in einem fremden Gehirn verursachen?

Der Geruchssinn des Menschen funktioniert auf einer unbewussten Ebene. Spricht man vom Geruchssinn, ist darum wohl des Menschen animalischer Sinn gemeint. Mit den Geruchsstoffen, den sogenannten Pheromonen (Pherain = fernübertragen und horman = erregen), die von speziellen Drüsen produziert werden, senden Menschen ungehemmt sexuelle Signale aus. Säue verfallen in eine Duftstarre, bleiben regungslos stehen, sobald sie das Eber-Pheromon Androstenon wahrnehmen. Wurden Menschen im Schlaf mit Duftstoffen konfrontiert, so ließen sich Herzfrequenzveränderungen nachweisen. Im Genital- und Analbereich, am Oberkörper und am Unterleib sowie im Warzenvorhof der Brust befinden sich die meisten der erwähnten pheromonproduzierenden Duftdrüsen des Menschen. Sind wir erregt, werden Pheromone in rauen Mengen ausgeschieden. Geht es um Gefühle folgt der Mensch seiner Nase. Von Selbstbestimmung oder Willensfreiheit ist hier nicht die Rede. Pheromone sind Botenstoffe die aus der Ferne zu stimulieren vermögen. Zibet, Moschus oder Bibergeil, allesamt Bestandteile vieler heutiger Parfums imitieren diese sexuellen Geruchsstoffe. Menschliche Pheromone werden inzwischen synthetisch hergestellt.

Zieht ein Objekt, gleich welches uns mit seinem Geruch in den Bann, kommuniziert das Riechhirn dies direkt zum Sitz der Emotionen, in einen Hirnteil mit Namen „Mandelkern“. Er gehört zum emotionalen Entscheidungsträger, dem erwähnten limbischen System, von dem auch unsere Urteilskraft in hohem Maße abhängig scheint. Im Mandelkern beschwören die eintreffenden Duftinformationen eilends ein Gefühl hinauf. Freude, Angst, oder Ekel verspürte ein jeder schon.

Ob wir einen Duft mögen oder nicht, ist uns nicht angeboren. Es ist vielmehr abhängig von unserer Erfahrung, die wir mit einem Geruch gemacht haben. Japanische Nasen ergötzen sich an dem Geruch getrockneten Fischs. Schlagartig können Gerüche uns in die Vergangenheit katapultieren, Assoziationen hervorrufen und längst Vergessenes zutage fördern. Am stärksten springt dem Geruchsinn im Normalfall das Neue und Ungewohnte ins Auge. An das wiederum Bekannte gewöhnen wir uns – manchmal zum Leidwesen der Industrie oder unserer Partner. Das „Ungewohnte“ eines Duftes ist abhängig von seiner Intensität, dem Moment und des Ortes an dem er auf- oder von dem Körper aus dem er austritt.

Frauen wird eine besonders große Anfälligkeit für den männlichen Geruchsstoff Androstenon in der Zeit kurz vor dem Eisprung zugeschrieben. Androstenone gelten als hochwirksame menschliche Pheromone. Vorwiegend kommen sie im Achselschweiß des Mannes vor. Das der Frauen und mancher Männer Köpfe und damit auch ihre Nasen beim Kuscheln meist in dichter Nachbarschaft der männlichen Achseln liegen ist möglicherweise kein Zufall. Sie kennen das Bild der Männer, die ihre Arme hinter ihrem Kopf verschränken? Die vom Nasenflügel zum Mundwinkel verlaufende Furche in unseren Gesichtern ist ein Sammelort der Pheromone im Übrigen. Die Nase des Partners findet sich beim Küssen dort wieder. Schon kleinste Mengen an Pheromonen lösen in Sekundenbruchteilen einen Reiz im Gehirn aus. In der Landwirtschaft nutzt man Pheromone um Kühe und Stiere zum Paaren anzuregen. Eher instinktiv tasten Menschen noch immer ihr Gegenüber mit dem Geruchssinn ab. Die Schmetterlingsdame zieht mit körpereigenem Aphrodisiakum Männchen aus dem Umkreis von Kilometern an. Riechen und Fühlen gehört zusammen.

Über Sympathien und Antipathien entscheidet gemeinhin der wahrgenommene unsichtbare Duft unseres Gegenübers. Beim Menschen löst dieser zudem Assoziationen, Erinnerungen und Emotionen aus. Der Mensch ist kein Souverän der Natur. Schon ein leichter Dufthauch kann den allgewaltigen Verstand temporär gänzlich außer Kraft setzen. Auch wenn wir uns meisterhaft an die Veränderungen der Umwelt angepasst haben, von unseren Reflexen und Trieben konnten wir uns bis heute nicht lösen. Düfte sind bei der Wahl des Partners vergleichbar mit dem Wein zum Essen – doch können Düfte nicht über jeden Makel hinwegtäuschen. Die menschliche Nase ist zudem genetisch bedingt für Androstenon unterschiedlich empfindlich – wir sind nicht alle gleich. Und die Kommunikation durch Duftsignale ist neben der taktilen, der akustischen oder visuellen nur eine von vielen – aber Geruchsempfindungen sind nicht steuerbar, frei von Urteilen empfangen wir sie. Riechen und gerochen werden sind von elementarer Bedeutung. Schon das Baby lernt den Geruch der Mutter vor dessen Geburt über die Nabelschnur kennen. Nein, der Riechsinn lässt sich nicht kontrollieren. Und jedes Deodorieren minimiert den herabgewürdigten Eigengeruch und legt widernatürliche Spuren.

Im Auftrag des TUSH magazines unter dem Titel Desto weiter wir eindringen.

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